Nachwort
ISBN
3-518-12311-4
Type
book section
Date Issued
2002
Author(s)
Abstract (De)
Neue Zürcher Zeitung
Intellektuelle Guerilla Pierre Bourdieu im Selbstversuch «Es gibt viele Intellektuelle, die die Welt in Frage stellen, es gibt wenige, die die intellektuelle Welt in Frage stellen.» Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat es getan. Dass seine ätzende Intellektuellenkritik auf ihn selbst zurückfallen könnte, ist Bourdieu dabei keineswegs entgangen: «Wenn ich die Welt, der ich angehörte, einer schonungslosen Analyse unterzog, so konnte ich nicht übersehen, dass meine eigenen Untersuchungen mich notwendigerweise mit betrafen und ich Instrumente lieferte, die gegen mich gekehrt werden konnten.» Hierin liege aber keine Gefahr, sondern eine Chance: «Der in solchen Fällen übliche Vergleich mit dem arroseur arrosé, dem besprengten Gartensprenger, bezeichnet nichts weiter als eine hocheffiziente Form des Reflektierens, wie ich es begreife, nämlich als kollektives Unternehmen.» Das klingt ganz nach einer freundlichen Einladung, durch Bourdieu-Kritik am Bourdieu'schen Kriktikunternehmen mitzuwirken.
Aber der Vorzeigeintellektuelle hat in seinen Kritikern kaum je Mitarbeiter zu sehen vermocht. Und ebenso wenig hat er es den Mitarbeitern überlassen wollen, seine Analyseinstrumente gegen ihn selbst zu kehren. Die «schonungslose Analyse» des Meisterdenkers hat der Meisterdenker lieber gleich selbst an die Hand genommen - und damit die Kontrolle darüber, wie viel Kritik auf den Kritiker zurückfällt. Dies nicht immer zum Vorteil der vielgerühmten Bourdieu'schen Reflektiertheit. Keine Autobiographie Am 28. März 2001 beendete Bourdieu seine Lehrtätigkeit am Collège de France mit einer Vorlesung, die ihn selbst zum Thema hatte. Ungefähr ein Jahr nach seinem Tod ist nun eine erweiterte Fassung erschienen; auf ausdrücklichen Wunsch Bourdieus zuerst (und bis auf weiteres ausschliesslich) auf Deutsch. Der «soziologische Selbstversuch» (so der Titel) will keine Autobiographie sein - das hätte sich schlecht mit Bourdieus Kritik an der «biographischen Illusion» vertragen. «Den Versuch zu unternehmen, ein Leben als eine einzigartige und für sich selbst ausreichende Abfolge aufeinander folgender Ereignisse zu begreifen, ohne andere Bindung als die an ein Subjekt», hat Bourdieu 1986 geschrieben, «ist beinahe genauso absurd, wie zu versuchen, eine Metro-Strecke zu erklären, ohne das Streckennetz in Rechnung zu stellen.» Dementsprechend ist im «soziologischen Selbstversuch» nun wenig über das Subjektive, das Erleben und Empfinden Pierre Bourdieus und viel vom «sozialen Feld», von den Milieus und Stationen seiner Laufbahn zu lesen. Wie um die Differenz zu einer Autobiographie zu markieren, setzt Bourdieu Kindheit und Jugend fast an den Schluss. (Die Passagen über die Herkunft aus einem kleinen Bauerndorf in den Pyrenäen und die von Auflehnung und Widerspruch geprägte Schulzeit sind wohl die eindringlichsten des Buches.)
Die Selbstanalyse setzt mit dem Moment ein, in dem der junge Bourdieu den Gipfel der Hierarchie des französischen Bildungssystems erklimmt: als Philosophiestudent an der Ecole normale supérieure an der Rue d'Ulm. Im heftigen Abstoss von der Geisteshaltung, der Bourdieu hier begegnet, findet er zu seiner eigenen Rolle und zu seinem Selbstverständnis als Soziologe. Exemplarisch für diese «falsche» Intellektualität - ein «philosophisches», ein ebenso distanziertes wie vermeintlich allzuständiges Weltverhältnis, welches sich an der «reinen» Theorie orientiert - ist Jean-Paul Sartre. Zur entscheidenden Phase in Bourdieus Laufbahn wird sein mehrjähriger Aufenthalt in Algerien. Als Armeeangehöriger dorthin versetzt, bleibt er im Anschluss an seine Dienstzeit noch zwei Jahre Assistent an der Universität Algier. Zunächst steht er auch hier immer noch im Bann der «Weltsicht des französischen Normalienphilosophen». Allabendlich liest er - im Hinblick auf eine philosophische Dissertation über Gefühl und Zeitbewusstsein - im Werk von Edmund Husserl. Tagsüber aber beginnt er, sich der sozialen Wirklichkeit Algeriens zu öffnen. Geschickt zwischen den Fronten des Algerienkrieges agierend, verfasst Bourdieu seine erste empirische Studie.
Über die Ethnologie findet Bourdieu zur Soziologie. An dieser ist ihm vor allem das wichtig, was sie von der Philosophie des «Pariser Intellektuellentums» unterscheidet. Wenn er der theoretisch-abgehobenen, feinen und kunstsinnigen Haltung die empirisch-handfeste, am Gewöhnlichen orientierte soziologische Feldforschung entgegensetzt, schwingt viel Bodenständigkeitspathos mit. Aber auch viel Abneigung. In Rage schreibt er sich, wenn er nicht näher bezeichnete «Pariser Intellektuelle» angreift, «die dank eines halbmafiosen abgekarteten Spiels über ihre geistigen Verhältnisse leben konnten», dank einem Spiel, «das dem Erschleichen intellektueller Identität» gedient habe. Ob all der Klagen über die Ausgrenzung durch die Intellektuellen, die Nichtbeachtung bzw. Anfeindung durch Fachkollegen und Journalisten würde man es kaum glauben: Bourdieu hat sich auf dem sozialwissenschaftlichen Feld nicht nur glänzend behaupten können. Er hat - verdientermassen - mehr internationale Resonanz gefunden als irgendein anderer französischer Soziologe der Gegenwart. Gemeinschaft und Charisma Weshalb denn die Rage, die Vorwürfe und Abschätzigkeiten, dieses Sich-verkannt-Fühlen? Man hat von Bourdieus Forschergruppe schon als Sekte gesprochen. Bourdieu kontert nun kühl mit dem Hinweis auf eine soziologische Grundtatsache: Es sei doch ganz selbstverständlich, dass die gemeinsame Arbeit der «Sammlung der Kräfte» durch einen «Animateur» oder «Dirigenten» bedürfe, «dem die Gruppe dann im Gegenzug seine â�¹charismatischenâ�º Kräfte durch die Gewährung einer gefühlsmässigen Anerkennung zueignet».
Und diese Einung im Zeichen des Charismas sei «untrennbar verbunden mit der gemeinsamen Mobilisierung» gegen bestimmte «Widersacher». Bourdieu sieht seine Forschergruppe als eine Art intellektuelle Guerilla; gleichzeitig aber auch als jene «Beamten der Humanität», von denen Husserl 1936 gesprochen hat. Das sind freilich zwei unterschiedliche Dinge. Zu diesem «Beamtentum» - gemeint ist eine Gemeinschaft im Zeichen und zum Ziel der Erkenntnis - bedarf es keiner charismatischen Einigung gegen einen gemeinsamen Gegner. In Husserls Worten: «Wechselseitige Korrektur und Kritik» ist hier gefragt, nicht «gefühlsmässige Anerkennung» einer Führerfigur. Die «hocheffiziente Form des Reflektierens», von der Bourdieu in seinen «Méditations pascaliennes» spricht, ist eine intersubjektive Angelegenheit. Sie kann nicht durch Selbstreflexion ersetzt werden. Insofern kann man dem Bourdieu'schen Werk nur wünschen, dass sich Biographen und Kritiker nicht dadurch abschrecken lassen, dass Bourdieu das Thema «Pierre Bourdieu» schon selbst besetzt hat.
Hans Bernhard Schmid
Autorenporträt
Pierre Bourdieu ist Professor für Soziologie am College de France, Paris. Seine Mitautoren sind an verschiedenen französischen Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig und langjährige Mitarbeiter der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Actes de la recherche en sciences sociales. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Intellektuelle Guerilla Pierre Bourdieu im Selbstversuch «Es gibt viele Intellektuelle, die die Welt in Frage stellen, es gibt wenige, die die intellektuelle Welt in Frage stellen.» Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat es getan. Dass seine ätzende Intellektuellenkritik auf ihn selbst zurückfallen könnte, ist Bourdieu dabei keineswegs entgangen: «Wenn ich die Welt, der ich angehörte, einer schonungslosen Analyse unterzog, so konnte ich nicht übersehen, dass meine eigenen Untersuchungen mich notwendigerweise mit betrafen und ich Instrumente lieferte, die gegen mich gekehrt werden konnten.» Hierin liege aber keine Gefahr, sondern eine Chance: «Der in solchen Fällen übliche Vergleich mit dem arroseur arrosé, dem besprengten Gartensprenger, bezeichnet nichts weiter als eine hocheffiziente Form des Reflektierens, wie ich es begreife, nämlich als kollektives Unternehmen.» Das klingt ganz nach einer freundlichen Einladung, durch Bourdieu-Kritik am Bourdieu'schen Kriktikunternehmen mitzuwirken.
Aber der Vorzeigeintellektuelle hat in seinen Kritikern kaum je Mitarbeiter zu sehen vermocht. Und ebenso wenig hat er es den Mitarbeitern überlassen wollen, seine Analyseinstrumente gegen ihn selbst zu kehren. Die «schonungslose Analyse» des Meisterdenkers hat der Meisterdenker lieber gleich selbst an die Hand genommen - und damit die Kontrolle darüber, wie viel Kritik auf den Kritiker zurückfällt. Dies nicht immer zum Vorteil der vielgerühmten Bourdieu'schen Reflektiertheit. Keine Autobiographie Am 28. März 2001 beendete Bourdieu seine Lehrtätigkeit am Collège de France mit einer Vorlesung, die ihn selbst zum Thema hatte. Ungefähr ein Jahr nach seinem Tod ist nun eine erweiterte Fassung erschienen; auf ausdrücklichen Wunsch Bourdieus zuerst (und bis auf weiteres ausschliesslich) auf Deutsch. Der «soziologische Selbstversuch» (so der Titel) will keine Autobiographie sein - das hätte sich schlecht mit Bourdieus Kritik an der «biographischen Illusion» vertragen. «Den Versuch zu unternehmen, ein Leben als eine einzigartige und für sich selbst ausreichende Abfolge aufeinander folgender Ereignisse zu begreifen, ohne andere Bindung als die an ein Subjekt», hat Bourdieu 1986 geschrieben, «ist beinahe genauso absurd, wie zu versuchen, eine Metro-Strecke zu erklären, ohne das Streckennetz in Rechnung zu stellen.» Dementsprechend ist im «soziologischen Selbstversuch» nun wenig über das Subjektive, das Erleben und Empfinden Pierre Bourdieus und viel vom «sozialen Feld», von den Milieus und Stationen seiner Laufbahn zu lesen. Wie um die Differenz zu einer Autobiographie zu markieren, setzt Bourdieu Kindheit und Jugend fast an den Schluss. (Die Passagen über die Herkunft aus einem kleinen Bauerndorf in den Pyrenäen und die von Auflehnung und Widerspruch geprägte Schulzeit sind wohl die eindringlichsten des Buches.)
Die Selbstanalyse setzt mit dem Moment ein, in dem der junge Bourdieu den Gipfel der Hierarchie des französischen Bildungssystems erklimmt: als Philosophiestudent an der Ecole normale supérieure an der Rue d'Ulm. Im heftigen Abstoss von der Geisteshaltung, der Bourdieu hier begegnet, findet er zu seiner eigenen Rolle und zu seinem Selbstverständnis als Soziologe. Exemplarisch für diese «falsche» Intellektualität - ein «philosophisches», ein ebenso distanziertes wie vermeintlich allzuständiges Weltverhältnis, welches sich an der «reinen» Theorie orientiert - ist Jean-Paul Sartre. Zur entscheidenden Phase in Bourdieus Laufbahn wird sein mehrjähriger Aufenthalt in Algerien. Als Armeeangehöriger dorthin versetzt, bleibt er im Anschluss an seine Dienstzeit noch zwei Jahre Assistent an der Universität Algier. Zunächst steht er auch hier immer noch im Bann der «Weltsicht des französischen Normalienphilosophen». Allabendlich liest er - im Hinblick auf eine philosophische Dissertation über Gefühl und Zeitbewusstsein - im Werk von Edmund Husserl. Tagsüber aber beginnt er, sich der sozialen Wirklichkeit Algeriens zu öffnen. Geschickt zwischen den Fronten des Algerienkrieges agierend, verfasst Bourdieu seine erste empirische Studie.
Über die Ethnologie findet Bourdieu zur Soziologie. An dieser ist ihm vor allem das wichtig, was sie von der Philosophie des «Pariser Intellektuellentums» unterscheidet. Wenn er der theoretisch-abgehobenen, feinen und kunstsinnigen Haltung die empirisch-handfeste, am Gewöhnlichen orientierte soziologische Feldforschung entgegensetzt, schwingt viel Bodenständigkeitspathos mit. Aber auch viel Abneigung. In Rage schreibt er sich, wenn er nicht näher bezeichnete «Pariser Intellektuelle» angreift, «die dank eines halbmafiosen abgekarteten Spiels über ihre geistigen Verhältnisse leben konnten», dank einem Spiel, «das dem Erschleichen intellektueller Identität» gedient habe. Ob all der Klagen über die Ausgrenzung durch die Intellektuellen, die Nichtbeachtung bzw. Anfeindung durch Fachkollegen und Journalisten würde man es kaum glauben: Bourdieu hat sich auf dem sozialwissenschaftlichen Feld nicht nur glänzend behaupten können. Er hat - verdientermassen - mehr internationale Resonanz gefunden als irgendein anderer französischer Soziologe der Gegenwart. Gemeinschaft und Charisma Weshalb denn die Rage, die Vorwürfe und Abschätzigkeiten, dieses Sich-verkannt-Fühlen? Man hat von Bourdieus Forschergruppe schon als Sekte gesprochen. Bourdieu kontert nun kühl mit dem Hinweis auf eine soziologische Grundtatsache: Es sei doch ganz selbstverständlich, dass die gemeinsame Arbeit der «Sammlung der Kräfte» durch einen «Animateur» oder «Dirigenten» bedürfe, «dem die Gruppe dann im Gegenzug seine â�¹charismatischenâ�º Kräfte durch die Gewährung einer gefühlsmässigen Anerkennung zueignet».
Und diese Einung im Zeichen des Charismas sei «untrennbar verbunden mit der gemeinsamen Mobilisierung» gegen bestimmte «Widersacher». Bourdieu sieht seine Forschergruppe als eine Art intellektuelle Guerilla; gleichzeitig aber auch als jene «Beamten der Humanität», von denen Husserl 1936 gesprochen hat. Das sind freilich zwei unterschiedliche Dinge. Zu diesem «Beamtentum» - gemeint ist eine Gemeinschaft im Zeichen und zum Ziel der Erkenntnis - bedarf es keiner charismatischen Einigung gegen einen gemeinsamen Gegner. In Husserls Worten: «Wechselseitige Korrektur und Kritik» ist hier gefragt, nicht «gefühlsmässige Anerkennung» einer Führerfigur. Die «hocheffiziente Form des Reflektierens», von der Bourdieu in seinen «Méditations pascaliennes» spricht, ist eine intersubjektive Angelegenheit. Sie kann nicht durch Selbstreflexion ersetzt werden. Insofern kann man dem Bourdieu'schen Werk nur wünschen, dass sich Biographen und Kritiker nicht dadurch abschrecken lassen, dass Bourdieu das Thema «Pierre Bourdieu» schon selbst besetzt hat.
Hans Bernhard Schmid
Autorenporträt
Pierre Bourdieu ist Professor für Soziologie am College de France, Paris. Seine Mitautoren sind an verschiedenen französischen Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig und langjährige Mitarbeiter der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Actes de la recherche en sciences sociales. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Language
German
HSG Classification
contribution to scientific community
Refereed
No
Book title
Ein soziologischer Selbstversuch / Pierre Bourdieu
Publisher
Suhrkamp
Publisher place
Frankfurt am Main
Volume
Dt. Erstausg., 1. Aufl.
Start page
133
End page
151
Pages
19
Subject(s)
Eprints ID
37509
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Name
Anmerkungen zu Pierre Bourdieus soziologischem Selbstversuch.pdf
Size
172.45 KB
Format
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Checksum (MD5)
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