Systemversagen im Innovationsprozess : Zur Reorganisation des Wissens- und Technologietransfers
Series
DUV : Sozialwissenschaft
ISBN
3-8244-4396-1
Type
book
Date Issued
2000
Author(s)
Wilhelm, Beate Elsa
Abstract (De)
Der Ruf nach Innovationen verstummt seit vielen Jahren nicht. Regierungen sämtlicher Staaten in Europa wünschen sich innovativere Wirtschaftsunternehmen, die das im Überfluss vorhandene Wissen endlich in rentable Produkte und Dienstleistungsangebote umsetzen sollen. In der europäischen Technologie- und Innovationspolitik wird diese mangelnde Umsetzung als 'europäisches Paradoxon' bezeichnet. Je nach ordnungspolitischer Couleur unternehmen einige dieser Regierungen vielfältige Anstrengungen, durch Programme und Initiativen den Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu forcieren. Der dahinter stehende Gedanke ist, dass durch ein mehr an Transferangeboten und Transferleistungen eine bessere Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Systemen resultiert. Damit sollen letztendlich die erhofften Innovationen Wohlstand für möglichst viele bringen. Die vorliegende Untersuchung analysiert diese fehlende Umsetzung. Hierfür werden sowohl die Wirkungsannahmen über Wissens- und Technologietransfer kritisch beleuchtet, als auch diese Transferstrukturen anhand von Fallstudien erhoben. Im Zentrum steht dabei das Informations- und Wissenstransfernetzwerk von Entwicklern. Unter Entwicklern ist hier die Berufsgruppe der Ingenieure und Techniker zu verstehen, die mit der Entwicklung neuer Produkte und Verfahren in den Unternehmen tätig sind. Aus den so erhobenen Beziehungsmustern dieser Transferstrukturen wird deutlich, dass viele gängige Annahmen über die Entstehung von Innovationen sowie über Wissens- und Technologietransfer zu verwerfen sind. Die Studie liefert dazu vier wesentliche Aussagen: (1) Der politisch motivierte Wissens- und Technologietransfer beruht noch immer auf Vorstellungen über Wissensproduzenten (Wissenschaft) und Wissensempfänger respektive In-Wert-Setzer (Wirtschaft), die so nicht mehr tragbar sind. Die Arbeit weist eindrücklich nach, dass die Wissensströme nicht nur in die entgegengesetzte Richtung fliessen, sondern sich auch gegenseitig beeinflussen. Damit wird auch klar, dass Wissens-Empfänger und Wissens-Geber kontextabhängig sind und durch die stattfindenden Interaktionsprozesse jeder sowohl der einen als auch der anderen Gruppe zugehört. Erfolgreicher Wissens- und Technologietransfer erweitert also den potentiellen Teilnehmerkreis an Innovationsaktivitäten. Er findet umso leichter statt, je höher die Zielkongruenz und Durchlässigkeit zwischen den Systemen ausgeprägt ist. Im Idealfall organisiert sich dann Wissens- und Technologietransfer selbst. (2) Fehlende Interaktionen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sind damit nicht mehr als Ursache für zu wenig Innovationen und damit von Systemversagen zu sehen sondern als dessen Symptom. Die wahre Ursache liegt in der unterschiedlichen Zielausrichtung und den entsprechenden Anreizstrukturen nicht nur dieser beiden Systeme begründet. Systemversagen kann also nicht allein durch ein Mehr an Interaktionen behoben werden sondern erfordert die grundsätzliche Abstimmung zwischen und innerhalb der Systeme, um so Kohärenz und Durchlässigkeit herzustellen. Erst wenn es gelingt, die Anreizstrukturen so auszugestalten, dass sie diesen Austausch nicht nur fördern sondern vor allem 'belohnen' und somit in Wert setzen, erst dann werden die wichtigsten Barrieren des europäischen Paradoxons überwunden. (3) Innovationssysteme erfordern einen flexiblen Umgang. Im zeitlichen Verlauf und je nach Zielsetzung können die Strukturen, also Netzwerke, Clusterstrukturen und innovative Milieus unterschiedliche Ausprägungen annehmen, altern oder verkrusten oder sich wieder auflösen. Im Umgang damit ist es notwendig, die Zielorientierung der unterschiedlichen Beziehungsstrukturen in den Vordergrund zu rücken. Die Studie empfiehlt, die oftmals idealistisch geprägten Beziehungsstrukturen mit den Komponenten Zweck und Ziel zu ergänzen. Daraus resultiert die Einsicht, dass eine parallel existierende Strukturvielfalt der vorhandenen Problemvielfalt viel eher gerecht wird. (4) Innovationssysteme können nur funktionieren, wenn sie vital sind. Wichtigster Baustein ihrer Vitalität ist die Selbstorganisation. Auch hier weist die Studie auf Missverständnisse im Umgang mit diesem Organisationsprinzip hin: So kann Selbstorganisation nicht einfach aufgesetzt und eingefordert werden, sondern sie bedarf des Lernens der beteiligten Akteure darüber, wie Selbstorganisation 'funktioniert'. Genauso wichtig ist die Einbindung der selbstorganisierten Prozesse in kohärente Gesamtziele, damit die einzelnen Prozesse nicht in jeweils andere Richtungen laufen. Die Dezentralisierung selbstorganisierter Innovationsprozesse funktioniert nämlich nur bei gleichzeitiger horizontaler Koordination. In den ausführlichen Diskussion über Innovationen, Innovationssysteme und Innovationspolitik fallen quasi nebenbei neue Einsichten über Innovationen und Innovationssysteme an. Erstmalig werden hier in einer Gesamtschau die unterschiedlichen Programme der Technologie- und Innovationspolitiken der drei Vergleichsländer einander gegenübergestellt. Ihre Darstellung in einem Schalenmodell verdeutlicht den Rückstand der schweizerischen Technologie- und Innovationspolitik eindrucksvoll. In der Schweiz ist eine deutliche Tendenz festzustellen, Innovationen mit technischen Innovationen und Hochtechnologie gleichzusetzen. In Österreich und Deutschland scheint diese Sicht überwunden, allein die Ausgestaltung der entsprechenden Innovations- und Technologiepolitik-Programme weisen (noch) in eine andere Richtung. Die Studie bietet vertiefende Einsichten im Umgang mit Innovationssystemen und ausführliche Handlungsempfehlungen für deren Ausgestaltung. Für die Umsetzung der vier Hauptaussagen dieser Arbeit werden Handlungsempfehlungen zur Hand gegeben, die nicht zuletzt durch ihre Konsistenz auffallen. Sie ist damit besonders denjenigen Personen und Fachkreisen zu empfehlen, die sich mit den Grundlagen für deren Auf- oder Ausbau beschäftigen oder diese Systeme im Rahmen einer innovationsorientierten Regionalpolitik ausgestalten wollen. Darüber hinaus sind mit dieser Arbeit all jene Akteure und Institutionen angesprochen, die sich als Kristallisationspunkte und Impulsgeber für den Auf- und Ausbau von Innovationssystemen eignen. Dazu gehören Fachhochschulen, aber auch Universitäten, Industrie- und Handelskammern sowie weitere Verbände und Interessensgemeinschaften, Wissens- und Technologietransferstellen, die Wirtschaftsförderung und natürlich auch die Regional-, Technologie- und Innovationspolitik. Innovationssysteme dienen der Förderung der regionalen Entwicklung, weil sie endogene Potentiale mit exogenem Input kombinieren und damit Entwicklungen im Spannungsfeld zwischen Regionalisierung und Globalisierung ermöglichen.
Language
German
HSG Classification
contribution to scientific community
Refereed
No
Publisher
Dt. Univ.-Verl.
Publisher place
Wiesbaden
Start page
379
Subject(s)
Eprints ID
13609